Koreanische Webtoons: was, wie, wo…

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Der Künstler Lee Jong Beom zeigt an der Frankfurter Buchmesse 2016 bei der Arbeit an seinem Webtoon „Dr. Frost“ sein Können

Was?

An einem Symposium von Comicübersetzern in Biel stellte ich kürzlich fest, dass die in Korea immens populären Webtoons (웹툰) mindestens in der Schweiz noch völlig unbekannt sind. Was ein Webtoon ist, ist schnell erklärt: Das Wort ist aus Web (Internet) und Cartoon) zusammengesetzt und steht für Comics (bzw. Manga/Manhwa) oder Graphic Novels, welche primär im Internet veröffentlicht werden und erst in zweiter Linie als Buch oder Heft. Sozusagen also das E-Book der Comicwelt.

Wie?

Bei den Webtoons werden allerdings die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters weit konsequenter ausgeschöpft, als das bei den E-Books der Fall ist: Das zeigt sich einmal in der Anordnung der Einzelbilder. Die Zeiten der „bandes dessinées“, der vollgestopften Seiten, an denen Bildchen an Bildchen gequetscht werden, sind vorbei. Webtoons sind zum Scrollen von oben nach unten angelegt, die Bildgrösse ist dem Bildinhalt angepasst, bevor das nächste Bild folgt wird auch einmal eine Pause eingelegt. Auch die Möglichkeiten, Soundeffekte, Musik und dergleichen einzubauen werden ausgeschöpft.

Natürlich sind Webtoons auch smartphonetauglich. Ein Grossteil der täglich mehr als 6 Millionen Webtoon-Konsumenten in Korea wird sich die neuste Folge seines Lieblingscomics in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit anschauen. Die Länge der einzelnen Episoden wird diesem Umstand angepasst. Je nach Zeichner umfasst eine Episode um die fünfzig Bilder und kann in 20 Minuten gelesen werden. Neue Folgen werden im Wochenrhythmus aufgeschaltet. Für Nachschub ist bei inzwischen mehreren tausend Webtoons jederzeit gesorgt.

Auch die Preise sind im Internetzeitalter angekommen: Eine Grosszahl der Webtoons ist gratis – Subskriptionsmodelle scheinen eher die Ausnahme. Das erstaunt auf den ersten Blick, denn wer je einem Comiczeichner über die Schulter geschaut hat, weiss, dass es Stunden dauern kann, bis ein einziges Bild mit all seinen Details gemalt ist. Nicht zu reden davon, dass es auch nicht ganz einfach ist, Charakteren und eine Storyline zu formen, die über hunderte von Episoden zu fesseln vermögen. Die Rechnung scheint dennoch aufzugehen, nicht zuletzt wohl deshalb, weil viele koreanische Filme (z.B. „Secretly, Greatly“) und Fernsehserien (z.B. „Sweet Stranger and Me“, „Dr. Frost“) auf Webtoons beruhen.

Wo?

Die grösste Auswahl an Webtoons findet sich bei den koreanischen Internet-Portalen Naver und Daum. In englischer (legaler) Übersetzung (mit Fanübersetzungen in viele andere Sprachen) bietet die Naver-Tochtergesellschaft Line eine Auswahl von einigen hundert populären Webtoons und auch die Möglichkeit für Newcomer aus allen Ländern der Welt, selber solche zu veröffentlichen.

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